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Ein Land ohne Krieg

 
 

 

 
 Axel Scheibe
presse büro sachsen
12/05
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Vietnam kämpft um einen stabilen Platz in der Völkergemeinschaft
Ho-Chi-Mingh-Stadt, das frühere Saigon, ist eine Millionenstadt voller Leben. Waren es bis vor wenigen Jahren unübersehbare Heerscharen von Fahrrädern, die die zumeist engen Straßen bis zum Ersticken füllten, sind an deren Stelle Mopeds getreten. Das macht das Verkehrschaos in der Metropole im Süden Vietnams noch größer als vorher. Es gibt so manche Stadt in der Welt, wo es Europäern allein schon beim Gedanken graust, selbst ans Steuer zu müssen, Ho-Chi-Mingh-Stadt stellt sie alle in den Schatten. Sie ist eine Stadt in Bewegung, eine Stadt im Aufbruch. Wenn auch das Durchschnittseinkommen unter 350 Dollar liegt und nach UNO Berechnungen über 50 Prozent der 80 Millionen Vietnamesen als arm gelten, findet man hier keine Slums voll hoffnungsloser, lethargischer Menschen, die sich ihrem scheinbar aussichtslosen Schicksal willenlos ergeben haben. In Saigon scheint jeder gerade ein Geschäft abzuwickeln, einen Laden zu eröffnen oder als Straßenverkäufer um ein bescheidenes Einkommen zu ringen. Die Vietnamesen sind ungeheuer fleißig und einfallsreich.

Natürlich gibt es genug Probleme im Süden des Landes, nicht zuletzt dadurch, dass der kommunistischen Norden nach der Wiedervereinigung 1976 mit Gewalt versucht hat, sein System auch der Südhälfte des Landes überzustülpen. „Das hat nicht geklappt. Man hat manches korrigieren müssen, doch gewisse Verwerfungen sind geblieben und auch ausländische Investoren werden noch immer durch recht restriktive Gesetze behindert, “ so Li Hang, ein nicht mehr ganz junger Mann, der als Touristenführer vor Ort sein Geld verdient. „Zum Glück kommen ständig mehr Gäste aus der ganzen Welt zu uns,“ freut er sich „Das ändert aber nichts daran, dass wir immer noch wiederholen müssen: Vietnam ist ein Land und kein Krieg.“ Selbst 30 Jahre nach Ende der verlustreichen Kämpfe zwischen Nord- und Südvietnam und den Amerikanern steht bei einer Vielzahl der Ausländer, die nie näher mit dem Land am Südchinesischen Meer zu tun hatten, Vietnam als ein Synonym für Krieg. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass dem wiedervereinigten Land erneut kriegerische Auseinandersetzungen vom mächtigen Nachbarn China aufgezwungen wurden und es selbst in Kambodscha einmarschierte und dort nach der Vertreibung der Pol-Pot Clique noch bis Anfang der 90er Jahre als Besatzungsmacht präsent blieb. Doch von den heute in Vietnam lebenden Menschen sind an die 65 Prozent erst nach 1975 geboren. Sie haben Krieg nur vom Hörensagen kennen gelernt und vielleicht die Chance als erste Generationen seit Jahrhunderten im Frieden aufzuwachsen. Aus dem Stadtbild Saigons sind die Spuren der Kämpfe längst verschwunden, nur die Architektur der französischen Kolonialherren erinnert noch an alte Zeiten. „Übrigens ist das mit dem Namen von Ho-Chi-Mingh-Stadt ähnlich wie bei euch mit Karl-Marx-Stadt. Für die Alten bleibt es immer Saigon. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden eigentlich beide Namen gleichberechtigt genutzt. Ob aus Ho-Chi-Mingh-Stadt eines Tages wieder Saigon wird, wer weiß?“ Li Hang kennt sich gut aus im Osten Deutschlands. Als Vertragsarbeiter war er über zehn Jahre in Leipzig und in der Nähe von Chemnitz tätig. Wohl deshalb dieser Vergleich. Im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute, die in der DDR waren, hat er sich schon dort intensiv bemüht, gut deutsch zu lernen und sich später, wieder zurück in der Heimat, weitergebildet. Heute, wo auch viele Deutsche kommen, sichert ihm das einen, für vietnamesische Verhältnisse, gut bezahlten Job. So kann er sich sogar eine der zwar nicht großen, aber komfortablen Wohnungen leisten, die in Saigon gebaut werden.

Mittlerweile leben in der Stadt über sieben Millionen Menschen. Täglich werden es mehr. In vielen Stadtteilen strahlt Saigon das Flair einer modernen asiatischen Großstadt aus. Nicht zu verschweigen die Kehrseiten dieser Entwicklung. Kleinkriminalität, Drogenkonsum, Prostitution und Alkoholismus. Die große Arbeitslosigkeit schafft dafür einen idealen Nährboden, wobei man den Behörden vor Ort zugestehen muss, dass sie das Problem deutlich besser in den Griff bekommen haben also beispielsweise in Lima und Bangkok. Wer als Tourist die in aller Welt üblichen Sicherheitstipps beachtet, wird kaum auf Probleme stoßen. Wobei Touristen zumeist nur wenige Tage in der Stadt bleiben, denn außer ihrem immer aufs neue überwältigendem Verkehrschaos, billigen Märkten (Gute Poloshirts für einen Euro, Hemden ab zwei Euro usw.) und den Prachtbauten kolonialer Vergangenheit wie Postamt, Wiedervereinigungspalast und Kathedrale hat sie nicht viel zu bieten.

Gäste zieht es hinaus in Richtung Süden, ins Mekong-Delta, der Reiskammer des Landes. In der Region südlich von Saigon sorgen ein perfektes Klima inklusive regelmäßiger Überschwemmungen dafür, dass jährlich bis zu drei Reisernten eingefahren werden können. Eine wichtiger Grund, dass sich Vietnam vom Reisimporteur zu einem der weltweit größten Exporteure dieses Grundnahrungsmittel entwickelt hat. Auf der ca. 3stündigen Fahrt von der Metropole ins Delta passiert man riesige Reisfelder und sieht fast überall Großfamilien, die sich zur Ernte auf den Feldern treffen.

Nach seiner 4500 Kilometer langen Reise durch China, Birma, Thailand, Laos und Kambodscha bildet der Mekong, die Lebensader der indochinesischen Halbinsel, ein unübersehbares Netz von Flüssen und Flüsschen, die ganz gemächlich dem Meer zufließen. Ursprünglich war das Delta Khmer-Territorium und sehr dünn besiedelt. Erst im 16. Jahrhundert kamen erste Viet-Kolonisten mit Schiffen in das Gebiet. Weite Landstriche wurden entwässert und es entstand ein umfangreiches Kanalsystem. Bis heute leben hier nicht nur Vietnamesen sondern Khmer, Chinesen und Cham. Neben unzähligen dörflichen Ansiedlungen entstand im Delta auch eine Reihe von Städten. Cai Be und Ving Long sind ideale Ausgangspunkte für Fahrten mit kleinen Motorbooten hinein in die Wasserwelt des Deltas. Überall trifft man auf schwimmende Märkte mit einem bunten Angebot an Obst, Gemüse und Baumaterial. In kleinen Manufakturen wird „Popreis“ hergestellt, der an unser Popcorn erinnert. Außerdem entstehen in traditioneller Art und Weise Reispapier und Reisbonbons. Neben der überwältigenden, ursprünglichen Landschaft gehört der gebratenen Elefantenohrfisch zu den Höhepunkten einer Exkursion ins Delta. Einige Bauern und Fischer haben sich auf den wachsenden Touristenstrom, ein Ansturm ist es wahrlich noch nicht, eingestellt und mitten im Delta kleine, einfache Restaurants eröffnet. Dabei ist das Besondere am Elefantenohrfisch neben seinem Aussehen sicher die Tatsache, dass er stehend serviert wird und dann mit Stäbchen, wie sonst, zerlegt werden muss. Viel dran ist an einem solchen Tier nicht, aber er schmeckt prächtig.

Den Krieg als Sehenswürdigkeit zu erleben hat schon etwas Eigenwilliges. Doch nichts anderes ist das, was die Touristen am Tunnelsystem von Cu Chi, etwa 50 Kilometer vor den Toren von Saigon erwartet. Natürlich spielt dabei der berechtigte Stolz der Vietnamesen eine wichtige Rolle, die hochgerüsteten amerikanischen Truppen bis aufs Blut gereizt und letztlich geschlagen zu haben. Das Tunnelsystem, das bereits in Zeiten der französischen Besatzung seinen Anfang nahm, war am Ende über 200  Kilometer lang, in drei Etagen ausgebaut und verlief zum Teil direkt unter amerikanischen Stützpunkten. Jahrelang haben die Amerikaner versucht, die Vietkong in ihrem Tunnelsystem zu vernichten. Flächenbombardements, chemische Kampfstoffe, Spürhunde, alles blieb erfolglos. Immer wieder tauchten die vietnamesischen Kämpfer wie aus dem Nichts aus ihrem Tunnelsystem auf und fügten den Amerikanern schmerzliche Wunden zu. In den Tunneln gab es unterirdische Gefechtstände, Schlafräume, Küchen, Brunnen und sogar ein Lazarett, sprich alles was man zum Überleben brauchte. Die Gänge selbst waren nur 80 cm breit und 1.50 hoch. Für US-Soldaten ganz einfach zu eng. Das Leben in den winzigen Löchern unter der Erde war hart. Sehr schlechte Luft und teilweise tagelang kein Sonnenlicht. Heute machen Veteranen der Befreiungskämpfe mit den Touristengruppen kleine Waldspaziergänge, der ist in den letzten 30 Jahren wieder gewachsen und erklären das Tunnelsystem, die Funktionsweise der verschiedenen Fallen, der Küche und die Tarnung der Zugänge. Für „normal maßige“ Touristen wurde ein kurzer Tunnelabschnitt  aufbereitet, durch den die Besucher kriechen können. Das hat zwar eher etwas mit Geländespiel zu tun, trotzdem bekommt man selbst bei dieser „weich gespülten“ Kostprobe einen kleinen Einblick in das, was die Vietkong hier im Kampf gegen die ungeliebten Amerikaner geleistet haben. Ein kurzer Filmstreifen mit dokumentarischen Aufnahmen aus den letzten Jahren des Krieges  komplettiert den Besuch in Cu Chi und entlässt die, zumeist recht nachdenklichen Besucher zurück ins zivile Leben. Besonders dann, wenn sie aus dem Land kommen, das millionenfaches Leid über die Vietnamesen gebracht hat, die sie heute trotzdem mit offenen Armen empfangen.

Axel Scheibe

  

  

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