Das große Puzzle Gottes auf einer Bank in Tây Ninh
Am Vormittag kommt der Autor aus dem unruhigen, hupenden Saigon an, wo das Leben in Millionen Mopeds an einem vorbeirauscht. Die tropische Hitze beginnt gerade, drückend zu werden. Man sucht Zuflucht im Schatten, setzt sich auf eine Holzbank im Süden Vietnams, und vor den Augen explodiert die Welt in einem Rausch aus Farben. Der Tempel von Tây Ninh sieht aus, als hätten Walt Disney, ein französischer Barockbaumeister und ein daoistischer Mönch gemeinsam versucht, den Himmel zu zeichnen. Pastellgelbe Türme ragen auf, rosa Drachen winden sich um hellblaue Säulen, und über allem wacht ein riesiges, unbarmherziges Auge im Dreieck.
Es ist das Zentrum des Cao-Dai-Glaubens. Ein Ort, der auf einem der kühnsten und rührendsten Gedanken des frühen 20. Jahrhunderts gebaut wurde.
Was würde Goethe denken?
Während man so dasitzt, die Beine ausstreckt und diesen surrealen Kosmos auf sich wirken lässt, ertappt man sich bei der Frage: Was würde eigentlich Johann Wolfgang von Goethe denken, wenn er jetzt hier auf dieser Bank neben mir Platz nehmen würde?
Vermutlich würde er leise lächeln. Denn dieser Tempel fühlt sich an wie eine bunte, steingewordene Analogie zu seiner eigenen Geisteswelt. Als absoluter Kosmopolit suchte Goethe zeit seines Lebens das Verbindende. Ob Christentum, Judentum, Antike oder der Islam in seinem „West-östlichen Divan“ – für ihn waren Konfessionen nur unterschiedliche Sprachen für dasselbe unteilbare Göttliche.
Beeinflusst von Spinoza glaubte er an die „Gott-Natur“. Kein alter Mann im Himmel, der die Fäden zieht, sondern eine lebendige Kraft im Inneren: „Was wär’ ein Gott, der nur von außen stieße, im Kreis das All am Finger laufen ließe! Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen…“
Hier in Vietnam hat diese All-Einheit ein Zuhause gefunden. Es ist das, was Forscher bei Goethe ein „Christentum zum Privatgebrauch“ nannten, nur eben im globalen Maßstab. Religion als Verschmelzung von Kunst und Geist. Denn wie dichtete er so treffend? „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion; wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion!“ Die Cao-Dai-Gründer besaßen definitiv beides.
Die Sehnsucht nach der großen Synthese
Das Jahr 1926. Während in Europa die politischen Gräben tiefer werden und die Menschheit unaufhaltsam auf die nächsten Katastrophen zusteuert, hat ein vietnamesischer Beamter namens Ngô Văn Chiêu eine Vision. Seine Diagnose der Welt ist ebenso simpel wie brillant: Wegen der Vielfalt der Religionen kann es keine Harmonie auf dieser Welt geben – nur ein Zusammenschluss wird die Menschheit zur ursprünglichen Einheit zurückführen.
Was folgt, ist kein neuer Glaube, sondern der Versuch einer ultimativen Weltreligion. Ein spirituelles Best-of der Menschheitsgeschichte. Wenn die Menschen sich schon wegen ihrer Götter bekämpfen, so der Gedanke, dann wirft man eben alle in einen Topf: Buddha und Konfuzius teilen sich den Altar mit Jesus Christus und Mohammed. Im Pantheon der Heiligen sitzen Victor Hugo, Jeanne d’Arc und sogar Lew Tolstoi friedlich nebeneinander.
Man möchte die Zersplitterung der Welt durch eine Überdosis Harmonie heilen. Es ist die Erfindung des religiösen Synkretismus als Friedensprojekt.
Das Spektakel der Symmetrie
Man erhebt sich von der Bank und tritt hinein in das kühle, majestätische Innere des Tempels, um der Zeremonie beizuwohnen. Es ist eine Lektion in absoluter Ordnung, die fast etwas Beruhigendes hat. Die Gläubigen strömen in makellos weißen Gewändern herbei – ein schier endloses Meer aus Weiß, das im krassen Kontrast zu den psychedelischen Farben des Tempels steht. Nur die Priester setzen farbige Akzente: Gelb für den Buddhismus, Blau für den Daoismus, Rot für das Christentum.
Wenn sie sich auf den Fliesen in exakten Reihen niederlassen, herrscht eine Symmetrie, die so perfekt ist, dass sie die Zerrissenheit der Welt da draußen für einen kurzen Moment vergessen lässt. Man hört das monotone Murmeln der Gebete, den sanften Klang der traditionellen Instrumente, und für den Bruchteil einer Sekunde glaubt man fast selbst an dieses gigantische, spirituelle Friedensprojekt.
Der Schatten der Realpolitik
Doch wer wieder auf der Bank Platz nimmt, und die absolute Symmetrie bewundert, darf die Augen vor den Brüchen der Geschichte nicht verschließen. Denn der Cao Dai war nicht immer nur die wehrlose, pastellfarbene Idylle, als die er sich heute präsentiert. In den Wirren des 20. Jahrhunderts wurde aus dem philosophischen Friedensprojekt ein hochpolitischer Akteur.
Um sich im Indochinakrieg zu behaupten, stampften die Anführer eine eigene, zehntausende Mann starke Privatarmee aus dem Boden, bauten eine papstähnliche, streng dogmatische Hierarchie auf und kontrollierten die Region wie ein militanter Staat im Staate. Es ist der schmerzhafte Kontrast dieser Bewegung: Man predigte die universelle Liebe aller Religionen, griff aber zu den Waffen, um die eigene Macht zu sichern. Und genau dieser politische Ehrgeiz wurde ihr nach dem Vietnamkrieg zum Verhängnis, als das kommunistische Regime die Bewegung radikal entmachtete und unter staatliche Aufsicht stellte. Auf Goethes Suche nach der Freiheit des Geistes antwortete die Realität hier mit dem Drang nach totaler Organisation.
Die Melancholie des Unvollendeten – Zurück in den Hexenkessel
So schleicht sich beim Blick von der Bank am Ende jene typische, leise Wehmut ein. Der Cao Dai wollte die Welt einen – und wurde am Ende doch nur zu einer weiteren, wenn auch bildschönen, Nische der Religionsgeschichte. Die Welt hat sich nicht zusammengeschlossen; sie hat sich seither nur noch weiter fragmentiert.
Was bleiben könnte ist die tiefe Bewunderung für diesen radikalen Optimismus. Cao Dai ist der architektonische und spirituelle Beweis dafür, dass der Mensch tief in seinem Inneren weiß, wie unlogisch seine Trennungen sind. Auf dieser Bank in Vietnam lernt man: Vielleicht war der Versuch, eine Weltreligion zu erschaffen, naiv. Aber in einer Welt, die sich täglich neu zerstreitet, ist der Versuch, Jesus, Buddha und Victor Hugo an einen Tisch zu setzen, vermutlich das Schönste, was man aus Beton und Farbe jemals gebaut hat.
Dann erhebe ich mich und begebe mich wieder in den Wagen, der mich nach Saigon zurückbringt. Zurück in den unruhigen, hupenden Hexenkessel, in dem das bunte Meer aus Mopeds und Autos keine Symmetrie kennt, keine Götter versöhnt und einfach nur nach vorne drängt. Man nimmt den Geist von Tây Ninh mit in den Stau und hofft insgeheim, dass Goethe und die Tempelbauer recht behalten und dass irgendwo in diesem großen, unübersichtlichen Chaos der Welt eine unsichtbare Einheit wohnt.
So denke ich es mir. Fragt mich einfach.


