Saigon fährt mit

Es gibt Momente, in denen man versteht, warum man lebt. Dieser hier riecht nach Zitronengras und abgestandenem Bier und dem Versprechen, dass der Abend noch lange nicht vorbei ist.

Saigon, kurz nach neun Uhr abends. Die Luft ist warm wie Körpertemperatur, und irgendwo zwischen dem zweiten Bier und dem dritten Gericht hört man auf, Tourist zu sein. Angefangen hat es auf der Bùi Viện – dieser einen Straße, die nachts so tut, als wäre sie eine ganze Stadt. Neonröhren in allen Farben, die die Welt nicht braucht und ohne die sie ärmer wäre. Musik aus zwanzig Bars gleichzeitig, die sich zu einem einzigen, seltsam harmonischen Lärm fügt. Backpacker aus aller Welt sitzen auf Plastikhockern, die Knie fast am Kinn, und trinken Bia Saigon für fünfzigtausend Đồng das Glas, und alle sehen aus, als hätten sie gerade etwas verstanden, das sie noch nicht in Worte fassen können.

Minh lehnt an seiner Vespa und wartet. Er lehnt immer an seiner Vespa und wartet. Eine GS 160, Baujahr vermutlich 1963, Farbe irgendwo zwischen verblasstem Jadegrün und der Hoffnung.

Die Bùi Viện, sagt er, ist für die, die ankommen. Was ich euch zeige, ist für die, die bleiben wollen. Dann: Steig auf. Wir fahren Essen.

Man steigt auf. Das ist das erste, was man lernt in dieser Stadt: Man steigt immer auf.

Die Vespa klingt wie eine alte Nähmaschine, die Träume vernäht. Drei Menschen sitzen eng, Schulter an Schulter, und niemand findet das merkwürdig außer einem selbst – und auch das nur für die ersten dreißig Sekunden. Dann kommt die erste Kurve weg vom Neon, hinein in die dunkleren, leiseren Gassen, und mit ihr der erste Geruch: gebratene Frühlingszwiebeln, Fischsauce, karamellisiertes Schweinefleisch. Die Bui Vien fällt ab wie ein zu lautes Gespräch. Was bleibt, ist die Stadt selbst.

An der Ecke Le Loi hält Minh an, ohne Ankündigung, mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der weiß, dass hier immer gehalten werden muss. Eine Frau sitzt hinter einem dampfenden Topf und löffelt Bun bo Hue in Schüsseln, die aussehen, als hätten sie schon tausend solche Nächte gesehen. Das haben sie. Die Brühe schmeckt nach Zitronengras und nach langer Zeit.

Das Geheimnis, sagt Minh und trinkt sein Bier, ist das Fett obendrauf. Die Leute, die es weg-löffeln – die verstehen nichts.

Man löffelt es nicht weg.

Später erzählt er von seinem Vater, der diese Route schon gefahren ist, damals, als die Stadt noch anders hieß. Er erzählt das ohne Schwere, so wie man über das Wetter spricht, weil Geschichte für ihn keine Last ist, sondern Zutat. Alles kommt in den Topf. Alles gibt Geschmack.

An der nächsten Station – ein Bürgersteig, vier Plastikhocker, ein Grill aus einer halbierten Öltonne – gibt es Banh mì mit gegrilltem Schweinefleisch und so viel Koriander, dass man kurz glaubt, man esse einen Garten. Der Mann am Grill schaut nicht auf. Er weiß, was er tut.

Das ist das Zweite, was man in dieser Stadt lernt: Die Menschen hier haben keine Identitätskrise. Minh ist nicht nur privater Fahrer, sondern auch Gastgeber und Erzähler. Die Frau mit dem Topf ist die Hüterin der Brühe. Und man selbst – schwitzig und glücklich auf dem Rücksitz einer Vespa – ist für diesen Abend endlich auch jemand: jemand, der isst.

Kurz vor Mitternacht biegt Minh noch einmal ab, hält vor einem Tempel, der zwischen zwei Häusern eingeklemmt ist wie ein Gedanke, den niemand zu Ende gedacht hat. Er zündet ein Räucherstäbchen an. Sagt nichts. Muss er nicht.

Dann setzt er einen am Hotel ab. Die Vespa tuckert davon. Man steht auf dem Gehweg und riecht nach Zitronengras und Rauch. Morgen früh, sagt Tuấn durch die offene Scheibe des wartenden Wagens, halb sechs. Und ich bringe Kaffee mit. Dann fährt er davon.

Wir stehen noch einen Moment. Denken nach. Normalerweise fahren Long und Tuấn bis Mỹ Tho, übergeben einen ans Boot und kehren um. Das ist der Plan. Das ist immer der Plan. Aber irgendwo zwischen dem Bún bò Huế und dem Räucherstäbchen ist etwas passiert, das Pläne unwichtig macht.

Zurück ins Hotel, schreibt eine kurze Nachricht an die Agentur und buche eine weitere Kabine.

Ich denke: Wenn schon, denn schon.

Saigon, kurz nach sechs Uhr morgens. Tuấn und Long wartet bereits vor dem Hotel, wie er immer wartet: ruhig, pünktlich, mit zwei Kaffee im Plastikbeutel. Ich sage: Ich habe für euch eine Kabine gebucht. Für euch beide.

Er schaut einen an, lange, mit dem Blick eines Mannes, der in zwanzig Jahren viel erlebt hat und trotzdem überrascht werden kann. Dann sagt er nichts. Nickt nur.

Das ist, wie Tuấn Danke sagt.

Long, als er es erfährt, lacht einmal kurz auf – das erste Mal in zwei Tagen – und sagt etwas auf Vietnamesisch, das Tuấn nicht übersetzt. Manche Dinge, sagt Tuấn stattdessen, brauchen keine Übersetzung.

Er hat recht.

Der Wagen gleitet durch die erwachende Stadt, erst laut und neonzuckend – die Bùi Viện schläft bereits, ausgebrannt und zufrieden –, dann ruhiger, dann flacher, dann grün. Irgendwo hinter den letzten Reihenhäusern beginnt das Delta. Man merkt es nicht sofort. Der Mekong kündigt sich nicht an. Er ist einfach plötzlich da.

Das Delta, sagt Tuấn irgendwo bei Kilometer vierzig, ist ein anderes Vietnam. Saigon ist, was das Land werden will. Hier ist, was es immer war.

Er sagt das ohne Nostalgie, eher wie eine Wetterbeobachtung, und schaut aus dem Fenster. Man schaut auch. Die Landschaft hat aufgehört, sich zu beeilen.

Das Boot in Mỹ Tho ist aus Holz, die Kabinen klein, die Fenster gehen direkt auf das braune Wasser hinaus, das träge und mächtig vorbeizieht. Der Mekong interessiert sich nicht für einen. Er hat Wichtigeres zu tun.

Am Abend sitzen sie zu dritt auf dem Oberdeck – Long, Tuấn, und man selbst –, jeder mit einem Bier, und schauen zu, wie die Sonne im Wasser versinkt. Tuấn sitzt da wie jemand, der nicht weiß, ob er schlafen oder staunen soll, und entscheidet sich für beides gleichzeitig, Augen halb offen, Bier noch in der Hand.

Tuấn erzählt von seiner ersten Tour hierher, vor zwanzig Jahren, mit einem deutschen Rentner, der die ganze Fahrt geschwiegen und am Ende geweint hatte. Warum? Er hat nicht gesagt. Pause. Aber ich glaube, er hat etwas wiedererkannt.

Man denkt darüber nach, bis die Nacht kommt. Und die Nacht kommt über den Mekong anders – ohne Neon, ohne Lärm, ohne Entschuldigung.

Um halb sechs wacht man auf, weil das Licht sich verändert. Nicht heller. Nur anders. Rosa und grau und gold zugleich, eine Farbe, für die es kein deutsches Wort gibt.

Man geht nach oben, und da steht Tuấn bereits, zwei Tassen Kaffee in der Hand, als hätte er gewusst, dass man kommt. Vielleicht hatte er es gewusst. Nach zwanzig Jahren auf dem Fluss kennt man die Momente, in denen Menschen aufwachen.

Long schläft noch. Das ist das Großzügigste, was man an diesem Morgen für ihn tun kann: ihn schlafen lassen.

Der Kaffee ist stark, süß, mit Kondensmilch – vietnamesisch und unentschuldigt. Man steht an der Reling, beide Hände um die Tasse, und schaut. Der Fluss ist jetzt golden. Die Palmwedel sind jetzt golden. Ein Fischreiher sitzt reglos auf einem Pfahl und ist ebenfalls golden, und man denkt: So also sieht Stille aus. Nicht die Abwesenheit von Geräusch. Sondern die Anwesenheit von allem, was bleibt, wenn man aufhört, etwas zu wollen.

Tuấn sagt nichts. Das ist das Klügste, was er an diesem Morgen tun kann.

Am zweiten Morgen, auf dem Rückweg, der schwimmende Markt von Cái Bè. Minh führt einen hinein – nicht als Guide, sondern als Gast, der einen Freund mitgebracht hat. Das ist der Unterschied zwischen einer Tour und einer Privattour: Man wird nicht geführt. Man wird eingeführt.

Dutzende Holzboote treiben träge ineinander, beladen mit Wassermelonen, Mangos, Drachenfrucht, Dingen, die man nicht benennen kann und sofort kaufen möchte. An jedem Bug ein langer Bambusstab, daran hängt, was verkauft wird. Das System ist so einfach, dass es genial ist, und so alt, dass niemand mehr weiß, wer es erfunden hat.

Eine Frau paddelt mit einem Fuß, Hände frei für die Waage. Eine andere trinkt Kaffee aus einem Plastikbeutel mit Strohhalm, schaukelt auf dem Wasser, schaut auf ihr Telefon. Jahrtausende alt und vollkommen gegenwärtig. Beides gleichzeitig, ohne Widerspruch.

Tuấn kennt eine alte Frau mit einem Boot voller Kokosnüsse und einem Lachen, das keine Übersetzung braucht. Sie öffnet eine Kokosnuss mit drei Hieben der Machete, präzise wie ein Argument. Das Wasser darin schmeckt nach nichts anderem als sich selbst. Tuấn kauft vier Kokosnüsse, ohne zu feilschen, und trägt sie wie Trophäen zurück ans Boot.

Auf dem Rückweg schläft man ein, während Long fährt und Tuấn leise vietnamesische Schlager hört, die klingen als wären sie eigentlich Gedichte. Draußen leuchten die Reisfelder ein letztes Mal.

Irgendwo im Halbschlaf denkt man an Zitronengras und Neon, an einen Tempel zwischen zwei Häusern, an das Fett, das man nicht weglöffelt. An zwei weitere Kabinen, die man spät nachts gebucht hat, und die sich als die beste Entscheidung dieser Reise herausgestellt haben.

Vielleicht aller Reisen. Fragt mich einfach.